Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Uranmunition in Grafenwöhr und den hohen Krebsraten in der Oberpfalz?

Die US-Armee hat bereits Ende der 80er Jahre mit Uranmunition auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr experimentiert. Angeblich aus Versehen. Der Vorfall schaffte es erst über 10 Jahre später in die Medien. SPON titelte damals wie folgt:

Auf dem US-Truppenübungsplatz im oberpfälzischen Grafenwöhr hat es zwei Unfälle mit der umstrittenen Uran-Munition gegeben. Noch gestern hatte die amerikanische Armee das heftig dementiert. Bei den Menschen in dem Ort geht nun die Angst um. Sie verlangen Aufklärung.

Bemerkenswert dabei ist noch folgende Passage:

Nach Angaben Baldermanns wird normalerweise die Uran-Munition nicht bei Übungen von Bodentruppen eingesetzt. Die DU-Geschosse würden allerdings in der Bundesrepublik für den Ernstfall zur Verfügung gehalten. “Wo die Munition gelagert wird, darüber geben wir aus Sicherheitsgründen aber keine Auskunft.”

Es ist also unstrittig, dass die US-Armee Uranmunition in Deutschland lagert. Die Frage ist nur wo genau? Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, dass man davon ausgehen kann, dass die umstrittene Munition in der Nähe der amerikanischen Militärstützpunkte in Deutschland gelagert wird. Natürlich nur für den “Ernstfall”. Eine echte Aufklärung zu den damaligen Vorfällen hat niemals stattgefunden. Ebenso wenig, ob das die einzigen Vorfälle waren, oder ob es noch mehr gab. Wie immer, wenn es um Militärangelegenheit geht, herrscht Schweigen und Intransparenz.

Im Januar 2001 kamen diese Vorfälle an die Öffentlichkeit. Schon einen Monat später, also im Februar, veröffentlichte die Regierung Oberpfalz folgende Pressemitteilung:

Insgesamt lassen sich weder bei den bösartigen Neubildungen des lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes, noch bei den bösartigen Neubildungen der Bronchien und der Lunge auffällige Häufungen in den einzelnen Landkreisen der Oberpfalz feststellen. Insbesondere nicht im Bereich des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr (Lkr. Neustadt a.d.Waldnaab.), wo lt. Zeitungsberichten bereits vor Jahren von einer Ärztin rund 100 Krebskranke betreut worden seien.

Innerhalb eines Monats kam die Regierung Oberpfalz zu dem Schluss, dass der Einsatz von Uranmunition keinerlei negative Folgen für die Bevölkerung hatte. Ohne dabei eigene Untersuchungen anzustellen, geschweige denn den Vorfall intensiver zu beleuchten. Es wurde lediglich festgestellt, dass es keinerlei Häufungen von Krebserkrankungen rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr gab. Schon ein paar Jahre (2013) später liest sich das allerdings folgendermaßen:

Keine guten Nachrichten für die Oberpfalz von Bayerns Gesundheitsminister Marcel Huber. In der  Oberpfalz ist die Zahl der an Krebs erkrankten Menschen besonders hoch.

Dieses Ergebnis geht aus dem Krebsbericht hervor, den Huber gestern vorgestellt hat. Demnach sind zwischen 2006 und 2012 in der Oberpfalz je 100.000 Einwohner 421 Menschen an Krebs erkrankt. Der bayernweite Landesdurchschnitt lag bei 377 Menschen.

Gründe für die hohe Zahl in der Oberpfalz seien wahrscheinlich unter anderem die aus dem Granitboden stammende Radonbelastung und die in den früheren Jahren hohe Luftverschmutzung, verursacht durch die Braunkohlegewinnung im benachbarten Tschechien.

Quelle: Radio Ramasuri

Als Gründe für die hohen Krebserkrankungen in der Oberpfalz gelten Luftverschmutzung und radioaktive Belastung durch Granit. Dass die Ursachen möglicherweise auch ganz andere sein könnten, schrieb Sabine Schiffer bereits 2006:

Die Folge ist, dass die Verseuchung der Erde mit abgereichertem Uran zunimmt – in Ex-Jugoslawien, Irak und Afghanistan geben die Missbildungen an Säuglingen und der natürlich nicht vorkommende Mehrfachkrebs als zunehmende Diagnose bei Erwachsenen und Kindern sowie ehemaligen Soldaten einen Vorgeschmack auf das, was uns weltweit erwartet. Derlei Munition – einst in Deutschland entwickelt – nun im Libanon einzusetzen, zeugt von der Verblendung der Täter, die nicht kapieren wollen, dass sie nicht nur den Gegner, sondern sich selbst gleich mitausrotten. Teile Jugoslawiens, des Iraks und Afghanistans gelten in Fachkreisen bereits jetzt als unbewohnbar – die verbleibenden Menschen dort sterben wie die sprichwörtlichen Fliegen. Auch der Truppenübungsplatz im fränkischen Grafenwöhr ist im Verdacht für gesteigerte Krebsraten in der Umgebung verantwortlich zu sein. Auch hier werden nach wie vor Informationen über die eingesetzte Munition zurückgehalten, die notwendige Bündelung von Daten verhindert. Prof. Siegwart-Horst Günther vom Gelben Kreuz International trägt derlei Beobachtungen seit Jahren zusammen. Dr. Doug Rokke, ehemaliger Zuständiger des U.S. Army Depleted Uranium Project kommt zu den gleichen Ergebnissen. Es gibt Aufrufe zur Ächtung dieser Waffen von „Ärzte gegen Atomkraft“ und der „InternationalenKoalition für ein Verbot von Atomwaffen (ICBUW)“ und vieles mehr.
Von dem kleinen Fehler, dass Grafenwöhr in der Oberpfalz und nicht in Franken liegt, mal abgesehen, ist das ein äußerst informativer Textabschnitt. Das amerikanische Militär verhindert eine lückenlose Aufklärung und die bayerische Landesregierung hat ebenfalls keinerlei Interesse daran, die Vorfälle aufzuklären. Dass es zwischen den hohen Krebsraten in der Oberpfalz und dem amerkanischen Truppenübungsplatz Grafenwöhr, der nachweislich radioaktive Uranmunition verschossen hat und jegliche Aufklärung verhindert, ein Zusammenhang bestehen könnte, wird nicht einmal in Erwägung gezogen.

Wird Uranmunition überhaupt noch eingesetzt?

Auch heute noch setzt das US-Militär Uranmunition ein. Erst im Februar vergangenes Jahres berichtete SPON:

USA räumen Einsatz von Uranmunition in Syrien ein

Das Pentagon gibt erstmals zu: Die US-Armee setzt im Kampf gegen den IS in Syrien auch Uranmunition ein. Wissenschaftler warnen vor den Spätfolgen.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass ein amerikanischer Truppenübungsplatz dementsprechend immer noch über große Mengen Uranmunition verfügt. Ob mit dieser Munition auch weiterhin geübt wird, kann niemand mit Sicherheit sagen. Denn das US-Militär verhindert jegliche Aufklärung. Und selbst wenn es zu einer echten Untersuchung käme, ist kaum zu beurteilen, wie unabhängig diese von politischen Interessen stattfinden würde. Fest steht nur, dass die bayerische Landesregierung und das US-Militär in dieser Frage jegliche Glaubwürdigkeit verspielt haben.

Welche Folgen hat Uranmunition?

Ganz grundsätzlich kann an dieser Stelle folgende Dokumentation empfohlen werden “Todesstaub: Uranmunition und seine Folgen”. Die Dokumentation ist auf YoutTube verfügbar. Ansonsten hat die NGO “IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung” folgendes Informationsblatt herausgegeben: IPPNW Factsheet. Darin heißt es u.a.:

Über die Atemluft, das Wasser und langfristig auch über die Nahrungskette gelangt DU in den menschlichen Körper. Es wird „inkorporiert“ und in fast alle Organe eingebaut. Über die Placenta erreicht Depleted Uranium auch das ungeborene Kind und kann es schwer schädigen. Mögliche Langzeitschäden sind genetische Defekte bei Säuglingen, Kinderleukämien, Krebserkrankungen und Nierenschädigungen.
Weiter heißt es:
Beim Einsatz von DU als Munition entstehen Uranpartikel und Uranoxide, die als Schwebeteilchen und Stäube die Umgebungsluft belasten. Dieser toxische Feinstaub wird mit dem Wind weit verbreitet und immer wieder aufgewirbelt. Durch Inhalation, Wasser, Nahrungsaufnahme oder durch die Haut kann das Depleted Uranium als Areosol oder als Uranoxid in den Körper gelangen. Als Uranoxid ist es mit Partikelgrößen im Mikro- und Nanobereich lungengängig und kann für mehrere Jahre im Lungengewebe verbleiben. Die biologische Halbwertszeit des Uranoxids in der Lunge beträgt ein Jahr, die des Aerosols zwei Jahre. Es kann bis zu acht Jahre dauern, bis das inkorporierte DU wieder ausgeschieden ist.
Ferner sei an dieser Stelle auch noch einmal darauf hingewiesen, welche gravierenden Folgen Experimente mit Atomwaffen im Allgemeinen haben. Alleine in den USA haben Atomtests bis zu 500.000 Menschen getötet, wie Mother Jones erst vor ein paar Tagen berichtet hat.

Gibt es auch in der Nähe anderer amerikanischer Militärstützpunkte auffällig hohe Krebsraten?

Auch in der Region rund um die Air Base Ramstein gibt es auffällig hohe Krebsraten, wie lokale Medien berichten. Die “Bürgerintiative gegen Fluglärm, Bodenlärm und Umweltverschmutzung” schrieb schon 2007:

Nach einer Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts über “Krebs in Deutschland” aus dem Jahr 2004 hat Rheinland-Pfalz mit knapp unter 1.000 Krebserkrankungen auf 100.000 Einwohner die zweithöchste Krebsrate in der Bundesrepublik. Nur im Saarland ist sie mit über 1.000 Krebsfällen noch höher. Das hohe Erkrankungsrisiko im Saarland ist angeblich auf den seit Jahrhunderten betriebenen Bergbau zurückzuführen. In Rheinland-Pfalz war der Bergbau eher eine Randerscheinung. Über Rheinland-Pfalz und dem Saarland gibt es aber den stärksten militärischen Flugbetrieb in ganz Europa. Es muss dringend untersucht werden, ob die hohen Krebsraten nicht auch darauf zurückzuführen sind.
Ähnlich wie in der Oberpfalz wurde ein Zusammenhang also niemals ernsthaft untersucht – trotz erschreckend hoher Krebsraten. Wenig überraschend: von Ramstein aus wird Uranmunition in die ganze Welt geliefert.

Fazit:

Der Zusammenhang zwischen den auffällig hohen Krebsraten in (deutschen) Regionen mit amerikanischen Militärstützpunkten wurde niemals ausreichend untersucht. Deshalb lässt sich auch nicht mit abschließender Gewissheit sagen, ob tatsächlich eine Korrelation besteht. Die Indizien zeigen jedoch in diese Richtung.

Doktorand in International Relations (Forschungsgebiet Migration & Europa) – Corvinus University of Budapest

Master in International Business – University of Economics Prague

Bachelor in Management & Europäische Sprachen – Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden

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Doktorand in International Relations (Forschungsgebiet Migration & Europa) - Corvinus University of Budapest Master in International Business - University of Economics Prague Bachelor in Management & Europäische Sprachen - Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden

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